OILCOOKING
Cruise+Callas (2010)

In einem Gespraech mit dem franzoesischen Schriftsteller Charles Juliet sagt Samuel Beckett 1977: 'Verneinung ist ebenso wenig moeglich wie Bejahung. Es ist absurd zu sagen, etwas sei absurd. Dies ist doch wieder ein Werturteil. Es ist ebenso wenig moeglich zu protestieren, wie einzuwilligen.Man muss in einem Bereich arbeiten, in dem es keine moeglichen Fuerwoerter oder Loesungen gibt, oder Reaktionen oder Standpunkte - das macht es so teuflisch schwierig.' Samuel Beckett war inspiriert von den Arbeiten seines Freundes, des niederlaendischen Malers Bram van Velde, den auch Ralf Dereich im Gespräch ueber seine Arbeit als Bezugspunkt nennt. Jedoch steht Dereichs Arbeit dem, was Beckett in seinem Zitat ausdrueckt, weitaus naeher als dem Amerikanischen Expressionismus, der ebenfalls stark von Van Veldes Arbeit beeinflusst war und von dem Dereich sich klar distanziert. Zunaechst lassen sich viele Gemeinsamkeiten zur Kunst der 50er und 60er Jahre in Dereichs Arbeiten erkennen: Seine abstrakte Oelmalerei erstreckt sich verwischt und ohne definierte Umrissgrenzen in All-Over-Manier ueber die Leinwand und die Bildarchitektur, die sich aus einfachen Elementen zusammensetzt, lenkt das Augenmerk auf Materialitaet und Ausdruck von Farbe und Linie. Die Konzeptualitaet eines Pollock oder die Spiritualitaet eines Mark Rothko lehnt Dereich jedoch ab. Wie es im Zitat Becketts anklingt, geht es ihm nicht um eine anhaftende, sei es zitierende oder konfrontative Auseinandersetzung mit der aeusseren Welt; allein die Ausdrucksfaehigkeit der puren Malerei, der Glaube an das Malen an sich, steht im Mittelpunkt und dies scheint vor allen Dingen mit Blick auf die Arbeit seiner Zeitgenossen bemerkenswert: Dereich schafft mit seiner im Kuenstlerindividuum zentrieren l'art pour l'art den Sprung aus der Tretmuehle der postmodernen Kunstauffassung. Den Akt des kuenstlerischen Schaffens vergleicht Dereich mit dem Spielen von Musik, speziell bezieht er sich auf den Jazz eines Miles Davis, dem jegliche Kategorisierung und Eingrenzung fern lag. Davis sah in der spontanen Musik des Augenblicks die Quintessenz des Jazz. Wie dieser folgt auch Dereich nicht einem Konzept von Kunst sondern zuerst seinem eigenem. Das zentrale Moment der Bindung des Werks an den Augenblick seiner Erschaffung spiegelt sich u.a. in Dereichs hoher Produktivitaet wieder und zeigt sich ganz materiell in den von ihm ueblicherweise noch feucht gezeigten Leinwaenden. Auch die Arbeiten die Dereich in 'Oilcooking' zeigt, sind brandneu und allesamt 2009 entstanden. Sie alle verbindet der erste Akt der Ausfuehrung einer durchgehenden, sich ueber die Leinwand schlaengelnden Linie, die bis zum Abschluss das bestimmende Element jeder dieser Arbeit ist. Dereich zielt darauf ab, das Bild von Beginn an im Griff zu haben. Auffallend ist die cremige Substanz des Materials und dieser Eindruck wird durch die pastelligen Farben unterstrichen. Neben einigen dunklen Arbeiten in abgetoentem Schwarzblau und Grau herrschen weiss, hellblau, dunkelrot und lachsfarben vor. In 'Cream', 2009, einem kleineren Format in weiss und rot wird die Anlehnung an musikalische Verfahrensweisen besonders deutlich: Die bestimmende rote Linie, die in Schleifen ueber die Leinwand gezogen ist, erscheint als zu Grunde liegende lineare Struktur, die im weiteren Verlauf ausgefuehrten Uebermalungen, Unterbrechungen und Verwischungen derselben erscheinen als Modulationen der Stimme oder Melodie. Wie das kurze Aufmerken eines Instruments wirken dagegen dezente Farbklekse, die teilweise verspritzt oder in dicke Nasen auslaufend, die lineare Struktur unterbrechen und rhythmisch vervollstaendigen. Dereich sagt, seine Malerei sei 'Der Klang aus Auge und Geist als Parabel auf den Menschen in der Welt'. (Kirstin Strunz)

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