FREEL
Cruise+Callas (2013)

Keine Schoenheit ohne Gefahr. Es ist ja doch interessant: Da haben wir nun gut hundert Jahre abstrakter Malerei hinter uns, die weltanschaulich nicht gerade unproblematisch waren, und dennoch blueht aktuell erneut eine kuenstlerische Praxis, die man getrost als reinmalerisch bezeichnen koennte. Nur kurz zur Erinnerung: Heute ueben die fruehen Abstraktionen von Kandinsky, Mondrian, Malewitsch, af Klint, Doesburg und vielen anderen aufgrund ihrer spirituellen, esoterischen oder gar spiritistischen Ideen zwar immer noch eine grosse Faszination aus, sind aber aufgrund der ihnen inhaerenten Metaphysik fuer das Projekt der Aufklaerung mehr oder weniger unbrauchbar geworden; auch Tachismus und Informel der Nachkriegszeit wurden (vor allem wegen ihres universalen Anspruchs auf Unmittelbarkeit und Authentizitaet) zurecht in Frage gestellt; ebenfalls diskreditiert erscheint der amerikanische Expressionismus, den die juengere kunsthistorische Forschung als vom politischen Westen vereinnahmt und instrumentiert entlarvt hat; (zumal uns das Exzessiv-Genialische von Pollock oder de Kooning mit seinem aufdringlichen Existenzialismus eher auf die Nerven geht, als dass wir in Alkoholwahn und Drogenrausch noch ein nachahmenswertes (Kuenstler-)Lebensmodell sehen wuerden.) Nicht zuletzt an Greenbergs modernistischer Theorie, die allein in der Reduktion auf die malereispezifischen Eigenschaften Flaeche und Farbe die Legitimation der Malerei sehen konnte, hat man sich, besonders ab den spaeten Sechziger Jahren leidlich abgearbeitet und ihrem Formalismus dann bekanntlich ein neues postmodernes Interesse an Inhalten, Kontexten und Codes entgegengesetzt. Was reizt also eine juengere Kuenstlergeneration, zu denen ich auch Anselm Reyle, Marieta Chirulescu, Sergej Jensen u.a. zaehlen wuerde, sich bewusst wieder den rein formalen Aspekten von Malerei zuzuwenden und in welchem Verhaeltnis stehen sie zum problematischen Erbe der Abstraktion? Wo liegt ihr kritisches Potential und wie geht dieses mit einer Aesthetik des Schoenen, das allzu leicht mit der Harmlosigkeit des Dekorativen verwechselt wird - zusammen? An Ralf Dereichs juengeren Bildern laesst sich dies exemplifizieren: So spricht er, wenn er ueber seine Malerei redet, von Gespuer, von einem Reagieren auf das Bild, und davon, alle expliziten Inhalte abstreifen zu wollen, um in eine Art intuitiven Dialog zwischen Maler und Bild einzutreten. Sein Ziel ist das Bild, das nicht gewollt und dem nichts aufgezwungen wird, sondern das aus einer spontanen, aber zugleich kontrollierten Geste heraus entsteht, das mit einem Strich fertig sein koennte. Auf dieser gedanklichen Grundlage entstehen grosse, querformatige Bilder, die sich durch einen lockeren und offenen, teils lasierenden, teils cremig mit den Fingern geschmierten, an manchen Stellen akzentuiert-linearen, fast kalligrafischen Farbauftrag auszeichnen. Die Farbpalette tendiert ins Pastellige, sanft gebrochene Farbtoene ueberwiegen. In den juengsten Bildern scheint der mit duennen Farblasuren wolkig in mehreren Schichten eingefaerbte Leinwandgrund durch, wodurch sich ein Eindruck von schwebender Offen- und Unabgeschlossenheit einstellt. Gerade in dieser Balance liegt das Interessante dieser Bilder, indem das labile Gleichgewicht einen Augenblick des Innehaltens, einen zerbrechlichen Zustand von Harmonie herstellt, der sich jeden Moment wieder verfluechtigen oder in sich zusammenfallen koennte. Das klingt natuerlich irgendwie gefaehrlich nach neoromantischer Einfuehlung, nach innerem, erspuerten Klang, Kandinsky und Matisse, nach Begriffen und Konzepten also, die laengst abgegriffen sind und allenfalls klischeehafte Vorstellungen von Malerei reproduzieren. Nach interesselosem Wohlgefallen am formalen Spiel oder der inspiriert-vergeistigten gestischen Abstraktion des Informel. Es waere aber ein Missverstaendnis, sich Dereichs Bilder so annaehern zu wollen. Vielmehr geht es in ihnen um eine sehr gezielte und durchaus kalkulierte Form von medialer Reflexion, welche sich eben das rein Malerische, also das Phaenomen der Farbe auf der Flaeche, als Gegenstand der Untersuchung und Analyse gewaehlt hat. Denn auch die Form, die ohne eine bestimmte Bedeutung zu haben gesetzt wird, interagiert und wirkt; sie tut etwas auf der Leinwand, sie ist praesent und loest Dinge aus. Diese Autonomie hat viele Vertreter gerade der abstrakten Malerei verfuehrt, Form und Farbe als absolut und transzendental angelegt zu begreifen, als kosmischen Klang, als zeitlose Chiffre oder universale Harmonie. Davon ist Dereich weit entfernt. Zwar wird in seinen Bildern durchaus eine Aesthetik des Schoenen zelebriert, aber nicht des Allgemeingueltigen. Sie sind eher Versuch, bleiben Annaeherung und Test, gleichsam selbst erstaunt ueber die eigene formale Wirkung. Aber gerade wegen dieses ephemeren Charakters werden seine Bilder zur ernsten Angelegenheit. Denn: Keine Schoenheit ohne Gefahr; im Annaehern und Verwerfen, im gefaehrdeten Moment zwischen Aufhoeren und Weitermachen liegt hier der Erkenntnisanspruch. Vielleicht koennte ein solcher Zugang ja sogar helfen, den Abstraktionen von Kandinsky oder Matisse wieder neu etwas abzugewinnen: Abstraktion weniger als Einfuehlung, denn als Reflexion und Erforschung der reinen Oberflaeche. (Daniela Stoeppel)

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